Juni 8 2020

Aus dem Tagebuch eines Geheimsängers

8. Juni 2035

21:00 Uhr: Mal wieder Glück gehabt, die Jäger haben uns nicht festnehmen können. Unser Fluchtweg über die versteckte Außentreppe des Kellerraums und durch die Zaunlücken im Park war unsere Rettung. Außerhalb des Zauns verteilten wir uns in den umliegenden Wohnstraßen und gaben uns den Anschein harmloser Spaziergänger oder von der Arbeit heimkehrender Familienväter und -mütter. Allerdings müssen wir uns nun endgültig ein neues Probenversteck suchen – noch einmal wird das SJK (Sänger-Jäger-Kommando) sich nicht an der Nase herum führen lassen.

Für unsere älteren Mitsänger*Innen wird es auch langsam zu gefährlich. Die ständige Anspannung und spontane Fluchtbereitschaft zehrt an den Nerven und lässt die Singstunde für manch einen zur Qual werden.

Wir jungen Sänger*Innen machen uns eher einen Sport daraus, das SJK zu verwirren und wir finden auch immer wieder neue Locations für unsere verbotenen Proben. Aber ohne unsere „Alten“, die uns immer wieder von der Zeit erzählen, bevor die Corona-Pandemie in den 20er Jahren das Singen wegen des angeblich gefährlich hohen Virusausstoßes zur Straftat hat werden lassen, fehlt uns die richtige Motivation. Wie großartig muss das gewesen sein, als man noch regelmäßig jede Woche an Chorproben teilnehmen durfte! Man sagt, die Sänger*Innen wären sogar für ihre klangvollen Auftritte gefeiert worden! Unvorstellbar: mit einer Gruppe von mehr als 10 Menschen zusammen vor andächtigen Zuhörern singen zu dürfen.

22:00 Uhr: Ich habe sicher meine Wohnung erreicht. Am Marktplatz, vor der großen Kirche, in der um die Jahrtausendwende noch regelmäßig legendäre Chorkonzerte vor ausverkauftem Haus stattfanden, wurde ich von Trampa, einer der schärfsten Jägerinnen unserer Stadt, aufgehalten und aufs Peinlichste ausgefragt. Auch vor einer Leibesvisitation schreckte sie nicht zurück. Aber da war nichts Verdächtiges zu finden – wir lernen seit langem schon unsere Stimmen und Texte auswendig, um kein verbotenes Notenmaterial mitführen zu müssen. Zuhause hat jeder ein gutes Versteck für die Abschriften der Noten, das auch vor den Mitbewohnern geheim bleiben muss, da das Denunzieren von Sängern zum Volkssport geworden ist.

In den goldenen Sängerjahren wurden Notenblätter als Kopien an alle Sänger*Innen verteilt und keiner musste im Geheimen seine Noten abschreiben.

22:30 Uhr: Erleichterung! Die SMS mit „Dubidubidu“ ist von allen Mitsänger*Innen in unserem verdeckten Gruppenchat eingetroffen – alle sind gesund zu Hause angekommen, keiner ist in Gesangsentzughaft geraten.

24:00 Uhr: Eigentlich war ich schon kurz eingeschlafen, da kam mir die Idee für unsere nächste geheime Singstunde: wir könnten bei Sonnenaufgang als Wanderer getarnt (natürlich mit Schutzmasken) den Wallberg in mehreren 3er Gruppen besteigen (seit die Bahn wegen Ansteckungsgefahr stillgelegt wurde, ist dort keine Menschenseele mehr unterwegs) und dort oben in Gottes freier Natur unsere Stimmen erklingen lassen. Unser GCL (Geheimchorleiter) lädt dann im DarkNet die entsprechenden Instrumentaldateien hoch.

Gute Nacht, bleibt gesund und trainiert eure Stimmen, damit ihr auf die Zeitenwende vorbereitet seid!         


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Veröffentlicht8. Juni 2020 von frido in Kategorie "Beiträge", "Singen", "Texte

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